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23. November 2020

Andreas Bensegger im Gespräch mit der finnischen Wirtschaftszeitung Kauppalehti über die Folgen von Corona für die Wirtschaft

Angst vor Lockdown ab Weihnachten

Deutsche Restaurants und Hotels treffen die für November auferlegten Beschränkungen am stärksten. Unternehmer glauben nicht daran, dass die Regierung im Dezember alle Beschränkungen wieder aufheben wird. Neue Beschränkungen drohen für Anfang des kommenden Jahres.

„Der Winter wird schwierig“, warnte die Kanzlerin Angela Merkel, die Mutter Deutschlands, Ende Oktober. In Deutschland werden ihre Worte gehört und der Kanzlerin wird in der Coronakrise, die im März begann, Vertrauen geschenkt. Jetzt gerät der Glaube ins Wanken, denn diese Woche wurde über einen Durchbruch bei den Impfstoffen berichtet. Mit den November-Einschränkungen sind nicht mehr alle Deutschen auf die gleiche Weise einverstanden, wie es während des Frühlings-Lockdowns der Fall gewesen ist.

Die Einschränkungen sind zwar jetzt in Deutschland leichter als im Frühling. Alles, was die Wirtschaft und den Export, die Industrie betrifft, darf weiter funktionieren. Schulen und Kindergärten sind nicht geschlossen. Aber alles, was mit Freizeit zu tun hat und Genuss, ist begrenzt. Restaurants, Hotels, Fitnessstudios, Theater und dergleichen sind mindestens bis Ende November geschlossen.

Über 20.000 Menschen demonstrierten am letzten Wochenende in Leipzig gegen Einschränkungen. Kaum jemand benutzte eine Gesichtsmaske in den Demonstrationen. Merkels Worte „Wenn wir uns im November an die Regeln halten, können wir uns zu Weihnachten mehr Freiheiten leisten“, stößt bei den Kritikern auf Misstrauen. „Im gleichen Atemzug sagt sie nämlich, dass sie nicht an große Feiern über Weihnachten und Neujahr glaube und dass vier schwierige Monate vor uns liegen.

Der November-Lockdown ist jetzt seit über einer Woche im Gange. Restaurantmanager Michael Schulz grübelt, während er aus den großen Fenstern seines Büros runter zum geschlossenen El Gaucho Steakhouse blickt. Schulz sagt, er bereite sich bereits auf vier schwierige Monate vor. „Es ist schwer vorstellbar, dass das Verhalten der Menschen im Dezember zu einer entscheidenden Wendung zum Besseren führt, so dass die Infektionsraten wieder unter Kontrolle kommen“, sagt er. „Wenn die Restaurants öffnen, die Leute zum Weihnachtseinkauf kommen, Glühwein auf der Restaurantterrasse trinken, die ganze Atmosphäre. Dann fängt es wieder an.“ Schulz ist fast 30 Jahre in der Gastronomie tätig. Genauso ist es in München passiert im September. Das Oktoberfest wurde abgesagt wegen Corona, aber in den Biergärten und Braukellern, auf den Terrassen wurde ersatzmäßig gefeiert. Die Infektionszahlen gingen nach oben. „Warum sollte das jetzt nicht passieren?“ fragt Schulz.

Auch Wirtschaftsexperten sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass alle Beschränkungen aufgehoben werden im Dezember.

Michael Hüther vom IW Wirtschaftsforschungsinstitut sagte vor der Nachricht zu dem Impfstoff, dass die nächste Schließung spätestens im Februar kommt.

Täglich neue Corona-Höchstwerte

Die Zahl stieg zuletzt in Deutschland bis auf 20.000 Neuinfektionen am Tag. Im Durchschnitt gab es auf 100.000 Einwohner 130 Neuinfektionen innerhalb einer Woche. Zurück zur Normalität erfordert eine Zahl von 50. Als am besorgniserregendsten angesehen wird die Tatsache, dass Intensivstationen bedrohlich getroffen werden könnten.

Rein zahlenbasiert bleiben die wirtschaftlichen Auswirkungen der Schließung im November begrenzt.

Das DIW-Institut für Wirtschaftsforschung schätzt die Kosten auf 19,3 Mrd. EUR.

In Eichstätt nördlich von München ist das Maschinenbauunternehmen von Heinz Weitner mit 250 Mitarbeitern ansässig. Um etwa 30 Millionen Euro wird der Umsatz in diesem Jahr sinken. Das sind 25 Prozent. Ein Drittel der Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Weitners Firma fertigt Komponenten für deutsche Medizintechnikunternehmen und Spezialwerkzeuge für Autowerkstätten.

Die Nachfrage ist halbwegs gesund geblieben. Die Bestellungen der Markenreparaturwerkstätten sind jedoch klar weniger geworden, erklärt Weitner.

Das deutsche BIP schrumpfte im zweiten Quartal um 9,8 Prozent. Von Juli bis September wuchs es wieder um 8,2 Prozent. Nun ist die Frage, um wieviel das Wachstum im letzten Quartal des Jahres nachlassen wird.

Stefan Schneider von der Deutschen Bank geht davon aus, dass sich die Pandemie weiter verschlimmern wird und dann im nächsten Jahr verlangsamt. Er prognostiziert ein Wachstum von drei Prozent für nächstes Jahr (?).

Für Restaurants und Hotels werden November und wahrscheinlich auch der Dezember schwierig. Die Schließung im November kostet um die sechs Milliarden. Der Branchenverband Dehoga warnt, dass ein Drittel der 245.000 Hotel- und Restaurantunternehmen kaputt geht. „Wir mussten bereits drei Monate im Frühjahr schließen. Jetzt wird es noch mindestens einen Monat dauern. Das sind 25-30% des Jahresumsatzes.

El Gaucho-Chef Schulz erzählt. „Die Absage aller Messen und Veranstaltungen und die Abwesenheit von Ausländern und Touristen ist ein schwerer Schlag für die gesamte Wertschöpfungskette im Restaurantgeschäft.“

Sommerpartys, Dorfpartys, Vereinsfeiern, Abschlussfeste, Familienfeiern – nichts davon findet statt, das hat sich bereits massiv auf unseren Umsatz ausgewirkt, erzählt Marlis Röhrl, Besitzerin der kleinen Brauerei Erharting.

In Erharting ist Abfülltag (?). Für Außenstehende deutet nichts darauf hin, dass Lockdown ist. Dennoch betont auch Marlis Röhrls Schwester Amelie Röhrl (auch Besitzerin), dass sich bereits in der Mitte der Krise abzeichnete, dass sich die Jahresproduktion von 10.000 Hektoliter signifikant reduzieren wird.

„Unsere Produkte werden auch in lokalen Spirituosengeschäften/Getränkemärkten verkauft, wo die Leute ihr Bier und alkoholfreie Getränke kaufen. Glücklicherweise hat dieser Umsatz zugenommen. “

Der Umsatz der Brauerei Erharting liegt in der Größenordnung von einer Million Euro. Das Unternehmen verfügt außerdem über sechs Wirtshäuser. Deren Pächter führen das Geschäft als Privatunternehmer. Für diese kleinen lokalen Wirtshäuser ist die Krise tödlich, weil es wenig bis gar keinen Umsatz gibt.

Wenn Restaurants schließen, leidet der Einzelhandel ebenfalls. „Die Maske muss in den Stadtzentren getragen werden auch im Freien und Weihnachtsmärkte wurden abgesagt. Das vergällt den Menschen die Freude am Einkaufen. Und wenn man nach dem Einkauf keinen Kaffee oder Bier trinken kann, bleiben die Leute lieber zu Hause.

In Rosenheim äußert sich Büroartikelhändler Andreas Bensegger besorgt. „Zum Glück sind wir auch Großhändler für Büromaterial. Dieses Segment ist in diesem Jahr von 15 auf 20 Prozent gewachsen. Unternehmen brauchen Arbeitsmaterialien, Werkzeuge, Telearbeits- und Hygieneprodukte. Der Umsatz des Familienunternehmens liegt bei etwa 12 Millionen, fährt der Chef fort. Bensegger warnt vor dem Weihnachtsgeschäft. Das kann in den Innenstädten um die Hälfte zusammenbrechen, wenn die Schließung fortgesetzt wird. Die Regierung hat allen von den Schließungen Betroffenen finanzielle Unterstützung versprochen. Bis zu 75 Prozent des verlorenen Umsatzes wird erstattet.

Das ist neu in der Bewältigung der Coronakrise. Bisher lag der Fokus darauf, bei den laufenden Fixkosten zu helfen.

„Ich weiß nicht, wie die Vergütung in der Praxis funktioniert. 75 Prozent des Umsatzes kann für einige Restaurants ein gutes Geschäft sein, denn die Kosten sinken ja parallel“, sagt Restaurantchef Michael Schulz.

In Bayern gibt es nicht überall Verständnis, dass man die Restaurants und Hotels total geschlossen hat. „Warum mussten alle schließen, wenn es gar nicht erwiesen ist, dass sich das Virus besonders dort verbreitet hat?

Unternehmer Weitner wundert sich „Denkt man nur an den öffentlichen Nahverkehr in den Stoßzeiten. Da sind unzählige Menschen in beengten Räumen.“

„Aber Restaurants, die Abstandsregeln umsetzen müssen, und generell ihre Platzkapazitäten abbauen mussten, werden geschlossen“, sagt Schulz.

Auch Ökonomen sorgen sich darüber, dass der Privatkonsum durch die politischen Entscheidungen komplett gestoppt wird.

Michael Hüther vom IW sagt, die langfristigen strukturellen Auswirkungen können signifikant sein. Die Arbeitsfähigkeit der Menschen wir leiden, wenn Kontakte und Freizeitmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert werden. Wie Merkel im Oktober sagte, der Winter wird in Deutschland schwierig und lang.

Die Belastung steigt und alles fühlt sich immer schlimmer an, wenn zu Weihnachten der Lichterglanz fehlt. Die Restaurantbesitzer haben ihre finanziellen Puffer bereits aufgebraucht. „Es ist bitter: Du willst einfach keine Schulden mehr machen. Viele Gastronomen denken, dass der Ausgleich der Umsatzverluste nur ein Versuch ist, kritische Geister unter ihnen, die diese Entscheidungen in Frage stellen, zu kaufen.

Während viele Restaurants oder Hotels erwägen, das Handtuch zu werfen, will Unternehmer Weitner tätig sein und sich an die neuen Umstände anpassen.

„Unser Umsatz sinkt jedes Quartal. Wenn wir das Niveau von diesem Jahr im nächsten halten können, bin ich schon zufrieden. Wir bleiben dran. Wir überleben dank Kurzarbeit. Es wird keine weitere Unterstützung benötigt “, betont Heinz Weitner.

Michael Schulz kehrt aus dem geschlossenen Restaurant zurück ins Büro. Er fragt sich, wie Deutschland diese Schulden in Milliardenhöhe jemals zurückzahlen will.

Niemand kann sagen, wie das passieren soll.

Es werde viel subventioniert und am Leben erhalten, das unter normalen Bedingungen nicht überleben würde.

Das Steakhouse El Gaucho könne sogar eine längere Ausfallzeit durchhalten, es ist im Besitz eines Österreichers, der solvent ist. Schulz selber hat in der Vergangenheit als Unternehmer noch andere traditionelle bayerische Restaurants geführt. Sie lagen auf dem Land und hatten weniger Umsatz als in einem teuren Steakhouse. Besonders in kleinen Ortschaften werden viele der traditionellen Restaurants spätestens Anfang nächsten Jahres Insolvenz anmelden müssen. Sie halten die vier langen Monate, vor denen Merkel gewarnt hat, nicht durch.

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